Fastenpredigt P. Hans Jürgen Kleist SJ 17.03.2013

Hingabe

“Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben, weil wir gestorben sind.”

Predigt von P. Hans Jürgen Kleist SJ am 5. Fastensonntag, 17. März 2013

Vor ziemlich genau 70 Jahren wurden in München der 25jährige Hans Scholl und die 21jährige Sophie Scholl verhaftet, in einem Schauprozess niedergebrüllt und wenige Tage später geköpft.

Im Jan. und Feb. vor 68 Jahren sind Helmut James Moltke und Alfred Delp in einem Prozess, dessen Urteil vor Beginn feststand, nur wenige 100 m von hier aufgehängt worden.

In 8 Tagen jährt sich, dass Erzbischof Romero während der Messe am Altar wie ein Hase abgeknallt wurde.

5 Jesuiten-Professoren der UCA, die Haushälterin und ihre Tochter haben sog. Todesschwadronen vor 24 Jahren abgeschlachtet.

Warum eigentlich? Was haben Sie getan?

Sie habe Flugblätter verteilt, von einem Deutschland nach der Diktatur geträumt, den Auftrag des II. Vaticanums versucht zu verwirklichen, auf der Seite der Armen zu stehen.

Ist es das? Haben sie das getan? Wurden sie alle dafür umgebracht?

Wenn es “gut” lief, ab es einen, wenn auch inszenierten Prozess, aber immer stand fest: Die müssen weg! Für die gibt es keinen Platz!

Haben sie also ihr Leben hingegeben für ein besseres Deutschland, für eine gerechtere Welt?

Man kann sich ja für so vieles “hingeben”: Für ein traumhaftes Essen, für den eigenen Beruf, für das geliebte Hobby, für die Kirche, oder was man für Kirche hält… “Ich würde mein Leben hingeben für” und jeder füllt die 3 Punkte mit seinen Lieblingsideen, -speisen, -interessen auf. Freiwillig, ganz ohne Zwang.

Eigenartig ist, dass uns im heutigen Evangelium auch ein Prozess vorgestellt wird, dessen Ausgang eigentlich auch beschlossene Sache war. Eine Frau begeht Ehebruch. Und wir hören sogar das, was nicht gesagt wird: Wir hören etwa, dass sie das nicht zum ersten Mal tat, vielleicht gar immer wieder, ja wohlmöglich, dass sie eine Prostituierte war, eine gewohnheitsmäßige Ehebrecherin!

Erstaunlich ist, dass diese Passage von der Ehebrecherin in einigen der

ältesten Handschriften des Johannes-Evangeliums fehlt. Wahrscheinlich hat man sie als zu riskant empfunden und lieber weggelassen. Aber, was ist daran riskant? – Der erste Eindruck ist, dass man die Klugheit Jesu bewundern möchte, der mit der rigorosen Strafrechtsordnung des Alten Testaments konfrontiert, sich gar nicht darauf einlässt, da zu argumentieren, sondern durch eine bloße Frage die ganze

Problematik dieses Aufzählens von Todesstrafen in Alten Testament deutlich macht; nämlich mit dieser Frage ` Wer ist denn ohne Sünde?”, dass er eine solche Strafe vollziehen dürfte!

Aber das würde diese Passage nicht brisant machen, sondern nur ein Satz am Ende: ‘Ich verurteile dich nicht’. Ertappter Sünder, auf frischer Tat ergriffene Sünderin – und Jesus sagt: ‘Ich verurteile dich nicht’ – Da könnte man sagen: das widerspricht doch aller christlichen Moral, dass Böse verurteilt werden müssen – und er hält sich nicht daran! Das stellt unsere ganze Gesellschaft in Frage!

Man hat einmal gesagt, die Neuzeit lebe von einem Unschuldswahn, aber das ist Unsinn, sie lebt von Schuld-Wahn könnte man sagen:  Überall wird Schuld entdeckt und herausgeholt. Da darf man schon an die Gesellschaft gerichtet fragen: ‘Was ist da für ein Interesse dahinter, dass man ziemlich jeden Tag einen neuen Skandal ausgräbt?

Dass zunächst einmal all dieser Müll an die Öffentlichkeit gehört, dass all die Vertuschungen und Verheimlichungen bekannt gemacht werden, keine Frage! Aber dann, wenn es bekannt ist, was ist denn daran interessiert, an diesen ständigen Erinnerungen, an dem ständigen Zur-Schau-Stellen der Fehler, der Sünden der anderen?

Der auch heute noch existierende Club der Pharisäer, dessen Grundmaxime heißt: ‘Der gute Mensch gibt gerne acht, ob auch der Andre Böses macht!’ lauert geradezu darauf, dass man sich so schön als ‘der Bess’re’ fühlen kann. – Die Frage Jesu ‘Wer von euch ist denn ohne Sünde’ wird weggetuscht, wird verdeckt, wird verdrängt, weshalb immer wieder mit den Fingern auf die Bosheit der Leute gezeigt, auf das Versagen und auf die Fehler.

Ein wenig spielt mit natürlich die Häme der Kirche gegenüber, die sich immer als Moral-Apostel aufgeführt hat – und es ist wahr, es wäre dringend eine Reform der normalen kirchlichen Sex Moral erforderlich! Da ist man davon ausgegangen, jede Verfehlung in dieser Richtung ‘Schwere Sünde’. Doch die Praxis der Christen, verglichen mit dieser Lehre, klaffte immer himmelweit auseinander. Schauen wir doch die Realität an – damals wie heute! Wenn man aber schaut, wie Jesus mit Sexualität umgegangen ist, fällt auf, dass er sie nie in den Vordergrund holt. Wenn die Samariterin trifft, die fünf Männer gehabt hat, geht er nicht darauf ein. Oder bei der Ehebrecherin im heutigen Evangelium – das macht er nicht zum Thema. Er stellt die Anklage der Schriftgelehrten nicht einmal in Frage. Sein Thema ist etwas ganz anders ist Habgier, ist Heuchelei – das ist die Haupt-Warnung! – während man in der neuzeitlich Kirchenmoral den Eindruck gewinnt, es gäbe nichts Schlimmeres, nichts Gefährlicheres für den Glauben als Sexualtrieb! Und. das ist schief, das gehört ausgeräumt!

Wie wäre es denn, man würde statt der erzwungenen Ehelosigkeit bei Pfarrern eine Art erzwungene Armut fordern. Armut ist auch einer der Evangelischen Räte, nicht nur Keuschheit. Und ein sexuell Zügelloser genießt kein großes Ansehen – vielleicht ein wenig in gewissen Clubs, aber sonst doch nicht! – Während derjenige, der Eigentum rafft, der Habgierige und Reiche, der ist ein angesehener Mensch. Deshalb ist das die viel größere Gefahr, hinter Geld her zu sein, als in dieser anderen Problematik Schwäche zu zeigen.

Welche Lebensentwurf man auch immer verordnet oder wählt, in den Evangelischen Räten soll stets eines zum Ausdruck kommen: Die Hingabe. “Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben, weil wir gestorben sind.” Diese Lebenshingabe hat Alfred Delp geschrieben, nachdem das Todesurteil gegen ihn verkündet wurde.

“Ich habe keinen Zweifel, dass Sophie Scholl, wenn sie es vermocht hätte, ihr junges, hoffnungsvolles Leben zweimal hingegeben hätte, wenn sie ihrem Bruder dieses Ende hätte ersparen können” schreibt der Kriminalobersekretär bei der Gestapo München, Robert Mohr, über seine Vernehmung von Sophie Scholl.

Und über dem Grab von Oscar Romero steht der Satz Jesu aus dem Johannesevangelium: “Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde”.

Letztlich gibt es nur die eine Hingabe, die Hingabe an Gott. Alles andere, einstehen für Ideen und Ideale, Einsatz für Glaube, für Benachteiligte, für Alleingelassene, findet seinen Gipfel im Glauben an Gott.

„Jesus sagt nicht, ‘glaub’ mir’, sondern ‘glaub’ an mich“, denn Gott wird nicht reicher durch das Gut-Sein der Welt noch ärmer durch das Böse-Sein. Das ist der zentrale Glaubensbegriff im Neuen Testament. Ich vermute nicht, nehme keine Aussagen als wahr an, sondern ich verwende meine ganze intellektuelle Hingabe darauf, mein Leben auf jemanden zu gründen.

Es gibt in der Tat so etwas wie innerchristliche, innerkatholische Häresien, die gar nicht als Häresien deutlich werden. Und es ist eine innerkatholische Häresie, von der Reformationszeit bis heute, den Satz–Glauben an die erste Stelle zu rücken, und zu meinen, es käme darauf an, Sätze für wahr zu halten, statt sich Gott zu überlassen, was in der Tat das allein Entscheidende ist. Thomas von Aquin hat recht, wenn er sagt: der Glaube endet nicht bei Sätzen, sondern Wissen endet bei Sätzen. Der Glaube geht auf eine Person, und es gibt die klassische Formulierung des Credo, in der das deutlich wird. Dort heißt es: “Ich glaube an” — und dann kommt kein Satz. Es wird dreimal in dem klassischen Credo das griechische eis (an) gebraucht, nämlich an die drei göttlichen Personen. An den Vater, und der wird dann beschrieben: Schöpfer des Himmels und der Erde usw. An den Sohn: Jesus Christus geboren aus Maria. An den Heiligen Geist. Es wird also sozusagen umrissen, wer das ist, an den ich glaube. Aber der “Glaube an” ist kein Glaube an Sätze! Man könnte sagen, dass ich als Mensch und erst recht als Christ gar nicht in diesem Sinn an Sätze glauben darf. Die Sätze sind so etwas wie Leitplanken. Denn wenn ich mich völlig hingeben will im Glauben, dann ist entscheidend, an wen. Ich darf mich im Grunde nur an Gott hingeben. Fanatiker aller Schattierungen haben Menschen umgebracht, weil sie sich einer absoluten Idee hingegeben haben — sei es die Reinheit der Rasse oder die idealisierte Gleichheit der Menschen oder eben die Glaubenswahrheit oder so irgend etwas. Es ist immer unrecht, es ist immer Fanatismus, wenn ich irgend etwas als absolutes Ziel meines Lebens setze, und nicht Gott.

Man müsste fast die heutige Menschheit, auch die Christen, auffordern: Entrümpelt euer Gehirn! Lasst eine Menge von Sätzen außen vor. Ich brauche sie gar nicht bestreiten, aber sie spielen keine Rolle für meinen Glauben, wenn nicht erkennbar ist, wie sie mich auf Gott hin lenken.

Und ich sage noch einmal, wir brauchen Sätze nur als Mittel, damit wir uns nicht an Götzen verlieren. Götzendienerei ist immer dann gegeben, wenn ich irgend einen innerweltlichen Wert absolut setze.

Jesus beansprucht nun: Was Gott ist, siehst du nur in mir. Dabei stellt sich dann heraus, dass dieser Gott kein Gott der Fanatiker ist. Denn in Jesus sehe ich gerade das nicht. In Jesus sehe ich, dass er sich jedem Menschen zuwendet, dass für ihn die Sündigkeit eines Menschen eben kein Grund ist zur Ablehnung. Wir haben keinen Zugang zu Christus außer über die Schrift oder kirchliche Lehre. Hier wird deutlich, dass ich so etwas wie Information benötige. Aber Sätze, Informationen sind nicht Ziel meines Glaubens, sie sind Hilfsmittel.

Wie geschieht das, wie mache ich das?, Glaube, Gesamthingabe. Was soll ich tun?

Jesus sagte, ich bringe euch kein neues Gebot. Christus schafft die Zehn Gebote nicht ab, aber er stellt sie in einen ganz neuen Rahmen. Er sagt nämlich,  alles ist nur Kommentar und Erläuterung zum Grundgebot, Gott zu lieben und den Nächsten, wie sich selbst. Anderes gibt es nicht. Im Grunde gibt es nur ein einziges Gebot mit zwei Seiten. Gott lieben und den Nächsten. Damit hat sich’s. Die Zehn Gebote sind Erläuterung von Grenzziehungen, d.h. du kannst dir nicht einreden, dass du den Nächsten liebst, wenn du ihn betrügst, bestiehlst und so fort.

Dieses Wort “liebe deinen Nächsten wie dich selbst” bedeutet nun nicht, nett zueinander zu sein – im Sinne von bewegt euch behaglich. Sondern es ist ein enormer Anspruch, dem wir nicht nachkommen. Den Nächsten lieben wie sich selbst heißt, wenn ich zwei Mäntel habe, einen herzugeben.

Deshalb ist das Evangelium voller Brisanz. Denn es sind immer zwei Mäntel da, wo ein anderer keinen hat. Das kann man nicht in eins bringen mit dem Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Entweder ich schaffe den Satz ab und sage, das stimmt gar nicht, oder aber ich darf mich nicht selbst belügen, ich muss die Konsequenzen wenigstens sehen.

Es gibt Menschen, die genau das begreifen, dass das entscheidende Ziel des Menschen darin besteht, sich für andere einzusetzen, also den Nächsten zu lieben, wie sich selbst. Damit ist man auf Gott aus und verwirklicht die eigene Freiheit, die auf keinem anderen Weg verwirklichbar ist. – Auch heute, auch unter uns.

P. Hans Jürgen Kleist SJ
Koordinator der Oberstufe
im Canisius-Kolleg in Berlin

 

 

Bücher zum Thema | erhältlich in der Buchhandlung   Der Kloster Laden
• Alfred Delp, Im Angesicht des Todes – Ignatianische Impulse, Echter
• Alfred Delp, Worte der Hoffnung, Echter
• Andreas Schaller: Lass dich los zu deinem Gott, Eine theologische Studie zur Anthropologie von Alfred Delp, Herder
• CD “Im Angesicht des Todes” mit ausgewählten Texten
• DVD “Alfred Delp – Jesuit im Widerstand”

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