Vortrag Pfarrer Dr. Petro Müller

Und dann beschreibt er, dass die Kirchen zur Diakonie zurückkehren und sich zum Menschen gesellen müssten. Dass sie nicht einfach nur Verwaltung, Institution oder Hierarchie sein dürften, sondern eindeutig im Dienste Christi zu stehen haben.

Die Kirche habe durch ihre zweitausendjährige Geschichte nicht nur Segen getragen, sondern auch Lasten und Hemmungen. Deshalb seien Menschen in der Kirche ermüdet und vieles sei hinter frommen Gebärden und Worten getarnt. Er gibt der Kirche mit die Schuld an den Entwicklungen, die er durch seine „Dritte Idee“ überwinden will: „Eine kommende ehrliche Kultur- und Geistesgeschichte wird bittere Kapitel zu schreiben haben über die Beiträge der Kirchen zur Entstehung des Massenmenschen, des Kollektivismus, der diktatorischen Herrschaftsform usw.“ (ebd.). Wenn die Kirchen zukünftig glaubwürdig sein wollen, müssten sie zum Menschen zurückkehren, deshalb die Unzumutbarkeit einer „zankenden Christenheit“ – ein Plädoyer für die Ökumene und für seine Sozialethik zugleich.

Was trug in diesen Zeiten?

War es nur die Freundschaft zwischen Delp und dem fast gleichaltrigen Graf Moltke und den anderen Kreisauern? War es der Einsatz für das gemeinsam erkannte Ziel mit seinem christlichen Fundament? Jedenfalls scheint mir dieser christ- lich geprägte Widerstand von herausragender Bedeutung zu sein, zumal er auch ein wichtiges ökumenisches Zeichen ist.

Unter dem Terror des NS-Regimes und angesichts des Todes fanden Katholiken und Protestanten leichter zusammen, sie entdeckten den gemeinsamen Kern des christlichen Glaubens, diese später entdeckte und auch von Päpsten formulierte Wahrheit: „Das, was uns verbindet, ist viel stärker als das, was uns trennt“ (Johannes XXIII; Johannes Paul II.). Kontroverse dogmatisch-theologische Fragen rückten eher in den Hintergrund, die Einheit in Christus, sein Erbe, seine Liebe, sein Dienst an den Menschen sollte zum Grundkonzept eines neuen Deutschland in einem befriedeten Europa werden.

Aber nicht „große Reformreden“ oder „Reformprogramme“ sind für Delp und die übrigen Kreisauer nötig, sondern die Taten der Diakonie: Man soll sich an die „Bildung der christlichen Personalität begeben und zugleich sich rüsten, der ungeheuren Not des Menschen helfend und heilend zu begegnen“, schreibt er (Delp 4, 322). Das sind sein „theonomer Humanismus“ und die geforderte Diakonie in gegenseitiger ökumenisch gedachter Bezogenheit, um den Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche zu heilen. Somit wird Delps „individuum sociale“ zu einem Prototyp des „mündigen Christen“, noch bevor sich die Konzilsväter des II. Vatikanischen Konzils mit solchen Fragen befassten.

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