Vortrag Pfarrer Dr. Petro Müller

Das Thema Eucharistie hatte im Gefängnis sehr wohl ökumenische Konnotation. Bei der Besorgung von Hostien und Wein war der evangelische Pfarrer Poelchau aktiv. Wörtlich betont er die Notwendigkeit der Eucharistiefeier in der Zelle, wenn er Marianne Hapig wegen der Besorgung der eucharistischen Gaben den Rat gibt: „Versuchen Sie es auf ‚unterirdische Weise’!“ – das hieß: über wohlgesonnenes Wachpersonal – „Wenn Ihnen das nicht gelingt, gehe ich mit Ihnen zum Gefängnisdirektor. Das Opfer muss in diesen Mauern dargebracht werden.“ (44)

Direkt vor Weihnachten schrieb Delp an P. Tattenbach: „Auf Weihnachten haben wir 4 wieder eine gemeinsame Novene angefangen. Diese betende Una Sancta in vinculis. Für Moltke wird in der Krypta von St. Gereon in Köln jeden Tag Messe gelesen. Ich lese hier, ST(öttner) in München. Ach wenn doch endlich der Weihnachtsstern aufginge.“ (45)

Das gemeinsame Gebet ist jetzt also auf Messfeiern erweitert, die in Delps Zelle und an verschiedenen Orten von befreundeten Priestern zelebriert werden. Freya von Moltke hat sich erinnert, dass der Zelebrant in Köln Dr. Robert Grosche war, der mit ihrer Mutter gut bekannt war. Grosche war in der ökumenischen Bewegung stark engagiert, ohne Zweifel einer der bedeutendsten katholischen Ökumeniker dieser Zeit. (46) Moltke selbst konnte übrigens am Tag seiner Hinrichtung zusammen mit seiner Frau nochmals das Abendmahl aus der Hand Pfr. Poelchaus empfangen. (47) Auch dies ein Ausdruck der gemeinsamen Überzeugung von der großen Bedeutung des Sakraments.

Verschiedene Anliegen wie die Bitte um Freiheit, das Durchhalten des bevorstehenden Prozesses oder auch das Umgehen mit dem Todesurteil danach werden somit ständig in die Gebets- und Gottesdienstformen der Kirche gegossen, an denen die vier Gefangenen unabhängig von ihrer Konfession teilhaben. Diese „Ökumene in Fesseln“ ist dabei den ersten offiziellen Bemühungen der Nachkriegszeit eindeutig voraus. Man könnte auch sagen, sie wird eingeübt, damit sie später trägt. Sie schöpft aus einem tiefen Vertrauen auf Gottes Gnade, das geteilt wird und das sich im bekannten Satz Delps bündeln lässt, der wiederum eine tiefe Theozentrik birgt: „Ob dies ein Abschiedsbrief ist oder nicht, ich weiß es nicht. Das wissen wir heute ja nie. (…) Wie es mir geht? Da ist nicht viel zu sagen (…) Hab keine Sorge, ich bemühe mich, kein Klein- holz zu machen, auch wenn es an den Galgen gehen sollte. Gottes Kraft geht ja alle Wege mit“ (Delp 4, 48f).

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