Vortrag Pfarrer Dr. Petro Müller

Dass man sozusagen ökumenisch eine katholische Gebetsform pflegte ist außergewöhnlich und lässt den Fortschritt christlicher Übereinstimmung erkennen. Die gemeinsamen Dialoge und Planungen hatten eine geistliche Ökumene reifen lassen. Ihr Motiv ist in den Kassibern wiederkehrend, insofern scheint das Gebet als eine anhaltende Kraft für die Häftlinge: „Wir beten hier zu vieren, zwei Katholiken und zwei Protestanten, und glauben an die Wunder des Herrgotts“ (Delp 4, 88), so Delp am 5. Januar 1945 an die beiden „Mariannen“, zwei Frauen, die immer wieder Kontakt zu ihm im Gefängnis hielten. Gemeint waren auch hier Moltke, Gerstenmaier, Fürst Fugger von Glött und er selbst. (39)

Neben der erwähnten Gebetsform ist den Vieren die gemeinsame Schriftlesung wertvoll. (40) Durch die beiden Gefängnisseelsorger, Pfr. H. Poelchau (evang.) und Pfr. P. Buchholz (kath.), wurden die Schriftstellen in die Zellen vermittelt. Graf Moltke notiert in einem Brief an seine Frau Freya: „Für heute Abend hatte Eugen (Gerstenmaier) uns aufgeschrieben: Matthäus 14,22- 33“ (41) – das ist die Perikope von der Rettung des im See versinkenden Petrus durch Jesus. Immer wieder tauchen solche Bemerkungen in den Briefen und Kassibern auf.

Unmittelbar vor dem Prozess lasen die Freunde Jesaja 43,1f: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir. Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort.“ Moltke bezeugt im erwähnten Brief an seine Frau nach dem Prozess, dass der Herr ihn „so fest und klar geführt (hat): der ganze Saal hätte brüllen können, wie der Herr Freisler, und sämtliche Wände hätten wackeln können, und es hätte mir gar nichts gemacht …“ (42)

Auch der Gedanke des Weizenkorns aus Joh 12 mit einer Sinndeutung des eigenen Sterbens beschäftigt die Mitgefangenen. Wir haben mehrere Zeugnisse in den Briefen Delps und Moltkes, die sich direkt nach dem ausgesprochenen Todesurteil damit beschäftigen.(43)

Eine dritte, noch stärker verbindende Ökumene, war die geistliche Mitfeier der Eucharistie. Delp hatte ab dem 1. Oktober 1944 die Möglichkeit, v.a. nachts in seiner Zelle die Hl. Messe zu feiern. Die anderen wussten davon. An die „Mariannen“ schreibt er am 22. November d. J.: „Seit das Sanctissimum da ist, ist die Welt wieder viel schöner geworden, und so will ich mich weiter Gottes Freiheit und Güte überlassen und mir Mühe geben, ihm nichts zu versagen, und doch in der Zuversicht bleiben, dass er uns über den See bringen wird, ohne dass wir untergehen“ (Delp 4, 29f). Während der Verhandlungen vor Freisler hatte Delp sogar eine Burse mit der Hostie dabei.

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