Vortrag Pfarrer Dr. Petro Müller

Zu all diesen Überlegungen und Planungen trug Alfred Delp das Seine bei. Seine Rolle in Kreisau lässt sich mit seinem Biographen als die eines „philosophische(n) Vordenkers“ (34) bezeichnen. Dieses Urteil bestätigen einzelne Mitglieder des Kreises. Für Theodor Steltzer war er die „geistig bedeutendste Persönlichkeit des Kreises“, und v.a. in religiösen Fragen aufgeschlossener als sein Provinzial Rösch (35). Eugen Gerstenmaier bezeichnete ihn als „vital, witzig, gedankenreich“ und schätze seine theologischen Standpunkte, die er differenziert darlegen konnte 36. Auch Harald Poelchau bescheinigt ihm ein „hohes geistiges Niveau“ (37).

Delp gab geistige Impulse, zeigte der Widerstandsgruppe die großen geistesgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Zusammen- hänge auf und vertrat den kirchlichen Standpunkt in den sicher auch kontroversen Diskussionen.(38)

Geistliche Ökumene im Gefängnis

Eine bedeutsame Frucht der freundschaftlichen Zusammenarbeit in Kreisau und aus der Erfahrung heraus, dass man sich unbedingt aufeinander verlassen konnte, dürfte das Phänomen einer wirklich geistlichen Gemeinschaft sein, die sich nach den Verhaftungen ab dem 27. September 1944 ergab. An diesem Tag wurden alle bisher verhafteten Kreisauer aus der Folterhaft der Gestapo in die Haftanstalt Berlin-Tegel verlegt. Zelle an Zelle warteten sie auf ihren Prozess, der dann vom 9. bis 11. Januar 1945 vor Roland Freisler stattfand – die Ereignisse dürften bekannt sein.

Was nun an Austausch möglich war und zwischen den Zelleninsassen gelang, möchte ich als „geistliche Ökumene“ bezeichnen und da- mit bewusst den Terminus verwenden, der heute als Grundimpuls und Basis jeglicher Ökumene verstanden wird. In diesen wenigen Monaten wuchs nämlich eine ökumenische Gemeinschaft heran.

Das gemeinsame Gebet war das Entscheiden- de. Auch wenn die Zellenwände dazwischen waren, wurde es ein inniges Miteinander. Am 1. Dez. 1944 schrieb Delp an seinen Mitbruder P. Franz von Tattenbach SJ. „Wir beten und vertrauen und sind gar nicht bescheiden in unseren Erwartungen Gott gegenüber. Moltke, Fugger und Gestenmaier (Pastor) und ich machen zum 8. gerade unsere zweite Novene“ (Delp 4, 34). Gemeint sein dürfte die zweite Einheit der Novene hin auf den erwarteten Prozessbeginn an diesem Tag. Dass der Prozess aber erst einen Monat später begann und Delp stattdessen am 8. Dezember seine ewigen Gelübde vor P. Tattenbach ablegen konnte, deutet er selbst als „Erhörung“, „Segen“ und „Erfüllung“ der Novene, wenn auch unerwartet auf andere Art (Delp 4,39.42f).

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