Vortrag Pfarrer Dr. Petro Müller

In einer nachträglichen Anmerkung zu dieser Maitagung wird dann multilateral geweitet: „Eine ‚Deutsche Christenschaft’ wird zur Erwägung vorgeschlagen, der alle Christen ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis angehören und die Berücksichtigung der christlichen Gesichtspunkte in allen, auch den lokal zu erledigenden Angelegenheiten mit staatlichem Einschlag sicherstellen soll.“ (31) Das lässt sich so interpretieren, dass die Einheit der Christen förderlich ist für die Angelegenheiten der Politik auf allen Ebenen und zugunsten der Menschen.

Eines der letzten Kreisauer Dokumente, die „Grundsätze für die Neuordnung“ vom 9. August 1943, macht dann das Christentum über die Konfessionsgrenzen hinweg zum gemeinsamen Bezugspunkt: „Die Regierung des Deutschen Reiches sieht im Christentum die Grundlage für die sittliche und religiöse Erneuerung unseres Volkes, für die Überwindung von Hass und Lüge, für den Neuaufbau der europäischen Völkergemeinschaft. Der Ausgangspunkt liegt in der verpflichtenden Besinnung des Menschen auf die göttliche Ordnung, die sein inneres und äußeres Dasein trägt. Erst wenn es gelingt, diese Ordnung zum Maßstab der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern zu machen, kann die Zerrüttung unserer Zeit überwunden und ein echter Friedenszustand geschaffen werden. Die innere Neuordnung des Reiches ist die Grundlage zur Durchsetzung eines gerechten und dauerhaften Friedens.“ (32)

Damit ist erkennbar, wir fruchtbar und vorbildlich der Dialog der Kreisauer war. Nicht nur, dass er über alle Klassengegensätze und Konfessionen hinweg geführt wurde. Er zentriert die großen Themen für die Zukunft der Gesellschaft: Menschenwürde, soziale Freiheit und ein befriedetes, versöhntes Europa. Die Kirchen sollen darin gemeinsam für neue Dimensionen der Humanität eröffnen. Das Bild vom Menschen wird aus den Grundlagen der jüdisch-christlichen Wurzeln Europas geschöpft. Gerade die „Grundsätze für die Neuordnung“ stellen auf einzigartige Weise eine ökumenische Verknüpfung von katholischer Soziallehre, evangelischer Sozialethik und eines demokratisch gedachten Sozialismus dar.

Der Moltke-Biograph Günter Brakelmann urteilt deshalb zurecht: „Die späteren Kreisauer Entwürfe zur Neuordnung Deutschlands sind in engster Partnerschaft zu Vertretern des politischen und sozialen Katholizismus entstanden. Während die offiziellen Kirchenrepräsentanten trotz der Bedrängung ihrer Kirchen durch Staat und Partei über gelegentliche Kontakte nicht hinauskamen, entwickelte sich im Kreisauer Kreis eine lebendige ökumenische Gesprächskultur, die die geistigen und ordnungspolitischen Voraussetzungen für ein ‚anderes Deutschland’ schafften. Es ist einmalig in der deutschen Ge- schichte, dass evangelische und katholische Christen in engster Gesinnungsgemeinschaft zu Sozialisten, die aus dem Umfeld des religiösen Sozialismus in der Weimarer Zeit kamen, gestanden und gelitten haben.“ (33)

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