Vortrag Pfarrer Dr. Petro Müller

Bei den sog. Augustbesprechungen im Vorfeld der 2. Kreisauer Tagung ist Alfred Delp dann dabei, ebenso wie auf der folgenden Tagung im Oktober 1942. Man merkt, wie er seine Deutung der Soziallehre „in den Ring“ wirft. Gerade ein politisches Engagement der Kirchen sei zu- künftig gefordert, um den Menschen neuen Halt zu geben. Das Vorbereitungspapier – ein Entwurf der drei Jesuiten – wörtlich: „Die Menschen er- warten … von den Kirchen nicht nur ein Eintreten für rein kirchlich-konfessionelle, kirchenrechtliche oder christlich-übernatüliche Belange, sondern vor allem die Verteidigung des Menschen als Menschen.“ (27)

Damit wird die Bedeutung der Kirchen als „zur Rettung noch fähigen Macht“ unterstrichen, mit dem Ziel, entfremdete Kreise wiederzugewinnen und den Menschen eine „innere Führung“ zurückzugeben – man hört hier deutlich Delps Grundgedanken des „theonomen Humanismus“, jetzt ökumenisch gewendet. Drei Fragen müssten die Kirchen gemeinsam bestehen:

1) Ob sie „die Notlagen des Menschen sehen“ und bereit sind für ihn einzutreten; 2) für „welche Grundrechte des Menschen“ sie eintreten und 3) ob sie bereit seien, sich gemeinsam mit „au- ßerkirchlichen Gruppen abzustimmen“ – hier dürfte v.a. an die Arbeiterschaft gedacht sein (28). Die Leistung der Jesuiten in diesen Vorbesprechungen bestand vorrangig darin, das katholische Menschenbild auf die vorstaatlichen Menschenrechte hin anthropologisch und theologisch kompatibel zu machen.(29)

Ein weiteres Thema in Kreisau war die Frage der Einheit der Christen. Man zielte dabei ganz praktisch auf eine Art „Christenrat“ auf nationaler Ebene – ein Vorgriff auf die Zukunft, denn wenige Jahre später (1948) wird es auf Weltebene den „Ökumenischen Rat der Kirchen“ und in Deutschland die „Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen“ geben.

In den „Gedanken zur europäischen Ordnung“ vom Mai 1942, die hauptsächlich den Entwurf einer neuen Reichsstruktur enthalten, heißt es z.B.: Zum „Zweck (sc. der Zusammenarbeit) wird als organisatorisches Bindeglied zwischen dem Staat und den Kirchen der ‚Reichsrat für christliche Angelegenheiten’ geschaffen“; in ihm „sitzen Priester, Bischöfe und Laien beider Konfessionen… (Er) gibt allgemeine Richtlinien für das Schaffen der beiden großen Konfessionen her- aus. Die Durchführung ist Sache der beiden Kirchen.“ (30) Wollen die Kirchen also gegenüber der Politik und für die Menschen etwas erreichen, müssen sie zusammenhalten.

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