Vortrag Pfarrer Dr. Petro Müller

Diese Rückbindungen schienen um so wichtiger, als man auch für eine neue politische Struktur über Konfessionsschulen, einen gemeinsamen Kirchenrat und das Verhältnis von Staat und Kirchen nachdachte.

Die ökumenisch relevanten Themen der drei großen Tagungen in Moltkes Gut Kreisau seien kurz genannt:

Bei der 1. Kreisauer Tagung im Mai 1942 – Delp war noch nicht dabei – ging es um das Verhältnis Staat-Kirche.(21) Sachlich wurde zunächst fest- gestellt, dass die Kirchen konfessionell gespalten sind, dass es eine Vielzahl von Denominationen in Deutschland gibt und der Staat diese Spaltung nicht überwinden könne. Doch dann werden die ökumenischen Kontakte sofort positiv wahrgenommen. Man kennt die zarte Pflanze der Ökumene bereits, wenn davon die Rede ist, dass „sich augenblicklich die Konfessionen innerlich so weit genähert (haben), dass ein sinn- volles Zusammenarbeiten bei konkreten Aufgaben durchaus möglich ist“(22). Die Kreisauer erwarten ein zukünftiges Engagement vor allem im Bereich der praktischen Ökumene: Diakonie und Caritas sowie Schule und Erziehung. Und – für heutige Ohren eher ungewohnt – das Bildungsziel ist den Teilnehmern gerade angesichts des nationalsozialistischen Terrorregimes völlig klar: Die „Schaffung der christlichen Persönlichkeit. Als ethische Wertmaßstäbe gelten die christlichen.“ (23)

Auch sonst ist eine breite Kooperation angedacht. Ein Papier aus evangelischer Perspektive entfaltet eine Zusammenarbeit „mit den anderen christlichen Kirchen trotz der konfessionellen Spaltungen“, um eine Unabhängigkeit vom Staat zu erzielen und um gegenüber dem Volk glaubwürdig zu sein; schließlich sei dies „ein Kampf der ganzen Kirche“ (24).

Die angedachte ökumenische Praxis soll als Basis dienen für eine mögliche Zusammenarbeit von Staat und Kirche: Ein Kirchenminister oder -kommissar seitens des Staates (evtl. auch Kirchen- und Schulminister mit Staatssekretär) soll kooperieren mit einem „Gesamtkirchenrat“ der eine Vertretung aller Konfessionen ist. Erwartet wird vor allem eine „ökumenische“ Zusammenarbeit zwischen katholischer und evangelischer Kirche „in den Grundfragen“; die evangelische Seite soll dafür sorgen, dass „eine Gesamtführung“ geschaffen wird, „die die Gewähr einer geistlichen Autorität gibt“ – dies alles „für ein sinnvolles Zusammenarbeiten mit dem Staat“ (25). Praktisch hätte das dann so ausgesehen: In den regierenden Körperschaften, also dem Reichsrat und den jeweiligen Landesräten, hätte je ein evangelischer und ein katholischer Bischof Sitz und Stimme gehabt. Die Bischöfe wären von ihren eigenen Kirchen vorzuschlagen und vom Reichsverweser bzw. Landesverweser zu berufen gewesen.(26)

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