Predigt von Günter Brakelmann

Es ist der braune Großinquisitor, der die Ausschließlichkeit eines gelebten christlichen Glaubens und eines sich ausagierenden Nationalsozialismus erkannt hat. Von seinem Freund-Feind- Denken her musste er Moltke und Delp vernichten. Er richtete nicht mehr ihre Taten, sondern verurteilte sie als Christen, die das von ihm repräsentierte System fundamental geistig-moralisch infrage stellten und dadurch gleichzeitig seine konsequenteste politische Bedrohung darstellten. Moltke schrieb in seinem letzten Kassiber an Delp: „Wir haben als Leidende einen Auftrag erfüllt … dafür kann es nur Dank geben, auch wenn der Weg nach Ploetzensee führt … der Weg führe in die Freiheit oder an den Galgen! …“

Moltke und Delp haben sich nach ihrem eigenen Selbstverständnis als Christen in ökumenischer Glaubensgemeinschaft für den von ihnen bezeugten Gott Jesu Christi hängen lassen. Sie waren beides: Männer des politischen Widerstands und Blutzeugen für christlichen Glauben, für christliche Ethik und Zeugen für die Kirche Jesu Christi auf Erden. Wir sollten beide in unser ökumenisches Märtyrerbuch aufnehmen.

„Gedenkt euer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach!“ – so im Hebräerbrief. Die Kirche lebt von dem Wort Gottes und Christen, die dieses Wort bezeugen. Einige von ihnen haben für diese Wahrheit gelitten und sind für sie umgebracht worden. Sie sollten in unseren Herzen den ihnen gebührenden Platz einnehmen, sie sollten öffentlich gegenwärtig gehalten wer- den und vor allem sollten die Kirchen ihrer gedenken als Menschen, die nicht den großen Kniefall vor den Mächtigen und vor dem von ihnen befohlenen Zeitgeist gemacht haben.

Und sie, die Märtyrer der Kirche, stellen uns Heutige unablässig die Frage, wie wir es denn mit unserem Glauben an den „Vater Jesu Christi, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs“ halten und wie wir ihn durch Wort und Tat bezeugen oder ob wir der immer lauernden Gefahr unterliegen, uns durch „mancherlei und fremde Lehren“ – wie der Hebräervers sagt – umtreiben zu lassen. Jede Zeit kennt ihre selbst gemachten Götter und Götzen, die ganze Hofstaaten um sich sammeln, prächtige Gewänder anhaben, große Parolen zelebrieren und Zeitenwenden ansagen. Sie – die Götter und Götzen – können aber auch leise korrumpieren, langsam die Humanität auffressen und am Ende bindungsloses Menschentum produzieren. Im 1. Johannesbrief Kapitel 4 heißt es: „Glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falschen Propheten ausgegangen in die Welt. Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; Und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist schon in der Welt.“ Delp und Moltke haben den Antichristen ihrer Zeit und sein satanisch – mörderisches System erkannt und haben gegen ihn ihr Zeugnis für den menschen- freundlichen Gott, für seine Gebote und für seinen Geist der Mitmenschlichkeit abgelegt. Sie haben getan, was Kirche immer sein sollte: das Gewissen der Welt. Und sie haben uns gezeigt, dass die Kirche dieser Welt am meisten nutzt, wenn sie konsequent bei ihrer ureigenen Sache bleibt: das Zur – Sprache – Bringen des Ereignisses Gott in Jesus Christus. Diese Konzentration auf die Mitte erweckt dann die Kraft und die inhaltliche Ausrichtung auf die Mitverantwortung der Christen für eine menschenwürdige Welt.

Moltke und Delp haben uns vorgelebt, dass bei- des zusammengehört: das Zeugnis des Glaubens u n d die politische Mitverantwortung für – wie sie es selbst gesagt haben: für personale Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Die Gegenspieler Gottes verabschieden sich nicht von selbst aus der Geschichte, sie können nur überwunden werden durch das Zeugnis des Wortes und durch das Zeugnis der Tat lebendiger, politisch handlungs- orientierter Christen. Noch einmal: die Märtyrer der Kirche stellen an die heutige Kirche immer wieder die Frage, ob sie, die Kirche, bei ihrer zentralen geistlichen Sache ist, und sie stellen an die zeitgenössischen Christen die Frage, ob sie ihr politisches Mandat für eine humanere, freiheitlichere und gerechtere Welt wahrnehmen. Unsere Erinnerung an sie, unsere Verehrung für sie wird zur kritischen Herausforderung an uns selbst, ob auch wir einüben, was sie getrieben hat: das Bekennen Gottes in seinem Sohn Jesus Christus und die Hinwendung zum Dienst an einer menschen- würdigen Welt. Dies sind wir unseren Lehrern schuldig.

Amen.

 

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