Predigt von Günter Brakelmann

Moltke hat das genau so gesehen, wenn er schrieb: „letzten Endes entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet dem inneren Sachverhalt und zeigt, dass Freisler eben doch ein guter politischer Richter ist. Dass wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a. getan haben und was b. sich lohnt.“

Und dann fährt er humorig-ironisch fort: „Aber dass ich als Märtyrer für den heiligen Ignatius von Loyola sterbe – und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich – ist wahrlich ein Witz …“

Und er bekennt:
„… und dann wird Dein Wirt ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Großgrundbesitzer, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher…, sondern als Christ und als gar nichts anderes.“

Was war hier vor Gericht und vor allem in den Wochen davor geschehen? Es ereignete sich unter zwei Katholiken und zwei Evangelischen eine ökumenische Bruderschaft im Lesen vereinbarter Bibelabschnitte, im Gebet füreinander und für andere draußen und in gelegentlichen Kontakten durch Kassiber. Angesichts von Verfolgung und Todeserwartungen entdeckte man verstärkt, was zur Kirche gehört: der Rückbezug auf die Ursprungstexte der Testamente und hier zentral auf den Kern des Evangeliums: die Botschaft von und über Jesus als den Christus Gottes. Sie alle lebten, jeder für sich selbst und alle gemeinsam, aus dem Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Sie verstanden sich als Menschen in der Nachfolge dessen, in dem Gott zur Sprache gekommen und zur Geschichte geworden ist. Als Glaubende an den Sohn Gottes verstanden sie sich als Christen, die ihn als ihren Herrn vor den Herren dieser Welt bekannten.

Mit diesem Bewusstsein, die Wahrheit des Evangeliums zu bekennen und die möglichen persönlichen Folgen zu tragen, waren sie für die Richter in brauner Robe nicht nur eine politische Herausforderung, sondern waren zusammen mit ihrem Glaubenspotential die radikale Alternative zum eigenen Entwurf, der jeden Einspruch oder Widerspruch vernichten musste. Delp und Moltke haben es genauso gesehen: es ging um die Alternative Gott oder Abgott, Wahrheit oder Lüge, Liebe oder Vernichtungswille, Freiheit oder Versklavung. Sie waren bereit, für die Wahrheit des christlichen Glaubens zu sterben, so sehr sie weiterleben wollten. Am Ende verstanden sie sich nicht nur als politische Antipoden zu einem totalitären System, sondern als Bekenner und Anwalt des Menschentums, das sich der freien Bindung an das geschriebene und verkündigte Wort Gottes verdankt.

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