Predigt von Günter Brakelmann

Und Moltke schrieb am Neujahrstag in einem Kassiber an alle Freunde: „Der Herr hat uns wunderbar bisher geführt; er hat in den letzten zwei Monaten auch im menschlichen Kausalzusammenhang Stellen gezeigt, die uns günstige Wendungen vorbereiten und ermöglichen können; er hat uns durch vielerlei Zeichen gezeigt, dass er bei uns ist. Daraus schließe ich, dass, wenn ich ständig darum bitte, er weiter uns spüren lassen wird, dass er bei uns ist; aber das kann er am Galgen in Ploetzensee genauso gut tun wie in der Freiheit in Kreisau oder sonst wo. Ich will meinem Fleisch nicht erlauben, sich auf das Faulbett angeblicher göttlicher Verheißung weiteren Lebens zu legen, und das täte ich so gerne. Ich muss es mit dem Bewusstsein des nach menschlicher Erkenntnis in wenigen Tagen oder höchstens Wochen bevorstehenden Todes ständig züchtigen, wenn ich es im rechten Zustand des „Wachet und betet“ erhalten will. Ich kann nicht glauben und kann mir auch nicht erlauben zu glauben, dass Gott mir heute offenbaren wird, was er morgen mit uns vorhat. Mir jedenfalls antwortet er, sobald ich neugierig werde, wie es Paulus schon in anderem Zusammenhang getan hat: `Lass dir an meiner Gnade genügen` – Das dürft ihr aber nicht Unglauben nennen, genauso wenig, wie ich euch für Magier halte. Und damit Gott befohlen! Auch im neuen Jahr, ich halte Lukas 1, 74+75 für sehr schön, aber vielleicht darf ich meinem Temperament gemäß vorschlagen, Röm. 14,8 nicht aus den Augen zu lassen. Eines aber ist ganz gewiss, dass wir ohne Unterlass beten dürfen und müssen.“ (Lukas 1 aus dem Lobgesang des Zacharias: „…dass wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.“ Und Römer 14: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“)

Beide – Moltke wie Delp – arbeiteten an einer Verteidigungsstrategie für ihren Volksgerichtshofprozeß. Illusionslos sahen sie ihre Situation, aber sie waren nicht hoffnungslos. An Hand ihrer Zeugnisse kann man sehen, wie sie versucht haben, ihre existentielle Dramatik durchzuhalten: sie hofften auf das Wunder des Weiterlebens mit neuen Aufgaben und waren gleichzeitig bereit, ihren Tod als Opfertod anzunehmen. Delp: „… es gibt nur zwei Auswege: den über den Galgen in das Licht Gottes und den über das Wunder in eine neue Sendung … “

Nach dem Prozess schrieb Delp an seine Mitbrüder: „Die Atmosphäre war so voll Hass und Feindseligkeit … Das war kein Gericht, sondern eine Funktion des Vernichtungswillens.” Weiter: „Für Moltke und mich gibt es da keinen Ausweg mehr. Wir sind umzingelt von Vernichtungswillen.“ Und: „Die Atmosphäre dort war bös. Das Theater so eindeutig gegen Kirche und Christentum, so dass ab hier durch diese 2 Tage unser Leben ein Thema bekommen hat, für das es sich lohnt, zu leben und zu sterben.“ Und noch einmal: „Der Prozess war so eindeutig und antikirchlich und antichristlich“.

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