Predigt von Günter Brakelmann

Der evangelische Moltke und der katholische Delp haben in besonderer Weise diese Zusammenhänge durchdacht, erlebt und durchlitten. Gehören sie für uns heute zu denen, von denen es im Hebräerbrief heißt: „Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach“? Ihr Ende haben sie gemeinsam erlebt. Sie sahen sich am 28./29. September im Tegeler Gefängnis wieder. Sie wurden Zellennachbarn, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Eugen Gerstenmaier und Fugger von Glött. Zwischen diesen Vier – zwei katholische und zwei evangelische Christen – ereignete sich in den nächsten Monaten so etwas wie eine ökumenische Gemeinde „in Fesseln“, mitgetragen von den beiden Gefängnispfarrern: dem katholischen Peter Buchholz und dem evangelischen Harald Puelche. Da alle eine Bibel hatten, verständigte man sich auf das gemeinsame Lesen von Tagestexten. Kleine Kassiber wanderten von Zelle zu Zelle. Klopfzeichen verstärkten den Kontakt. Einmütig übernahmen sie die katholische Praxis der Novene-Gebete. Sie lernten allein und miteinander, die Bibel neu zu lesen und sie lernten, konzentriert für andere und für sich selbst zu beten. Sie übernahmen eine selbst gewählte geistliche Disziplin. Ihr korrespondierte eine geistige Disziplin. Delp schrieb neben vielen Briefen bis zu seinem Tode geistliche Meditationen und theologisch – systematische Reflexionen. Er wurde unter den Bedingungen einer harten Haft mit gefesselten Händen ein Lehrer der Kirche. Was er schrieb, war durch das eigene Erleben gegangen. Es ist nicht Belehrung von oben, sondern Einladung zum Christsein von unten.

In einem Brief teilte Delp mit: „Zu Weihnachten haben wir 4 wieder eine gemeinsame Novene angefangen. Diese betende Una Sancta in vinculis. Für Moltke wird in der Krypta von St. Gereon in Köln jeden Tag Messe gelesen…“. Weihnachten feierten die Vier durch die Wände hindurch eine gemeinsame Messe.

Delp schreibt am letzten Tag des Jahres an Gerstenmaier: „Und wenn wir wieder draußen sind, wollen wir zeigen, dass mehr damit gemeint war und ist als eine persönliche Beziehung. Die geschichtliche Last der getrennten Kirchen werden wir als Last und Erbe weiter tragen müssen. Aber es soll daraus niemals wieder eine Schande Christi werden. An die Eintopfutopien glaube ich so wenig wie Du, aber der eine Christus ist doch ungeteilt, und wo die ungeteilte Liebe zu ihm führt, da wird uns vieles besser gelingen, als es unseren streitenden Vorfahren und Zeitgenossen gelang.“

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